Die traditionelle Unterweisung (1)

Seitens eines Schülers sind mehrere Haltungen möglich. Eine davon ist darauf zu warten, dass der Lehrer ihm sein Wissen übermittelt, dass er ihm Interesse entgegenbringt, dass er ihm ein Gefühl der Sicherheit vermittelt, dass er ihn sogar bemuttert.

Nach dieser Vorstellung liegt die aktive Rolle beim Lehrer, der Schüler ist passiv, er ist in einer Erwartungshaltung und kann den Lehrer sogar kritisieren, wenn er meint, nicht das zu bekommen, was er erwartet.

Dies ist ganz offensichtlich eine angenehme Art unterrichtet zu werden. Der Schüler bekommt eine bequeme Rolle zugewiesen, er fühlt den Blick des Lehrers auf sich ruhen, er wird wertgeschätzt, seinem Ego wird geschmeichelt.

Die Art der Unterweisung, die ich von Meister Nocquet erhalten habe, ist grundlegend anders und in meinen Augen von einer ganz anderen Qualität.

Sicherlich bringt der Lehrer dem Schüler auch hier Interesse entgegen, er zeigt dies jedoch in keinem Fall. Der Schüler wird beständig auf sich selbst zurückverwiesen, alle Stützen werden ihm verweigert. Sein einziger Ausweg besteht darin, Kraft in sich selbst zu finden, sich auf die Entdeckungsreise zu sich selbst zu begeben.

Wenn er etwas außerhalb seiner selbst erwartet, wird er ein grausames Gefühl der Leere empfinden. So habe ich zum Beispiel nie erlebt, dass Meister Nocquet einem Schüler einen persönlichen Rat gegeben oder ihn auf eine Graduierung vorbereitet hätte.

Er sagte: « Es nützt nichts zu erklären oder die Fehler eines Schülers zu korrigieren, wenn der Schüler nicht bereit ist. Sobald er das nötige Niveau erreicht hat, wird sich die korrekte Technik von selbst einstellen ».

Der Meister gibt nur wenige Erklärungen zu den Techniken, was bloß zur Folge haben würde, dass der Schüler auf der kognitiven Ebene verharrt, denn der Meister weiß, dass die Entdeckung des Aikido eine Frage der Empfindung, des Fühlens ist.

In dieser traditionellen Unterweisung ist das aktive Voranschreiten Sache des Schülers. Wenn er in sich die Motivation, den Wunsch trägt voranzukommen, entdeckt er seine Fähigkeit zuzuhören, zu beobachten. Er betrachtet aufmerksam die Bewegungen, die der Meister zeigt, er studiert die geringste Gebärde.

Kraft seiner Ausdauer und seines Willens verfeinert sich Stunde um Stunde seine Arbeit, die Technik wird reiner und der Schüler macht Fortschritte.

Auf welchem Entwicklungsstand man jedoch auch immer sei, in dem, was der Meister zeigt, ist ALLES enthalten und jeder empfängt das, was seinem Niveau entspricht.

Das ist übrigens einer der Gründe dafür, dass man bei dieser Form der Unterweisung keine getrennten Kurse für Anfänger oder Hochgraduierte einrichtet. Die Kurse für Hochgraduierte haben den offenkundigen Nachteil, das Ego dieser Hochgraduierten zu füttern und Gott weiß, dass dies nicht nötig ist.

Meister Nocquet hat uns keine Türen geöffnet. Er hat uns die Schlüssel gegeben, die diese Türen öffnen können. Und manchmal geht die Tür erst sehr viel später auf… An dem Tag, an dem wir bereit dafür sind.

Ich kann euch anvertrauen, dass ich regelmäßig auf ein erstaunliches Phänomen stoße:

Obwohl Meister Nocquet uns schon vor einigen Jahren verlassen hat, ist seine Lehre in mir noch gegenwärtig und ich lerne und entdecke nun Dinge, die mir damals entgangen sind und die erst jetzt in mir aufkeimen.

(Fortsetzung folgt)